Handeln durch Nicht-Handeln (Wu Wei)

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Innere Ruhe durch Wu Wei?

Ein Bekannter von mir ist absoluter Autonarr. Ständig erzählt er von neuen Technologien,  Automodellen und anderen Innovationen aus der Welt des Motorsports. Kaum eine Informationsveranstaltung oder Neuwagen Präsentation findet ohne ihn statt. Er liest zwei Fachzeitschriften und sucht stundenlang im Web nach neuen Informationen über sein Hobby. Treffe ich ihn, dominiert er 90 % unserer gemeinsamen Zeit mit seinen Themen. Vor einiger Zeit fragte ich ihn mal, warum er eigentlich jahrelang den gleichen Wagen fährt und warum er ihn nicht öfters gegen ein ach so tolles neues Modell eintauscht. Daraufhin lachte er und meinte, ein häufiger Fahrzeugwechsel wäre ihm viel zu teuer und mit jedem Verkauf würde er viel Geld verlieren. Nichts würde mehr Geld sparen, als den alten Wagen so lange wie möglich zu fahren. Auf die naheliegende Gegenfrage hin, warum er sich dann ständig informiert und sich kaum einem Thema so intensiv widmet, lachte er und sagte, „weil es mir Spaß macht.“

Als ich ihn neulich traf erzählte ich ihm vom chinesischen Wu wei, ein Begriff den ich dieser Tage kennenlernte. „Der Begriff Wu wei (chinesisch 無爲 / 无为, Pinyin wúwéi bzw. oft auch als chinesisch 爲無爲 / 为无为, Pinyin wéi wúwéi bezeichnet) stammt aus dem Daoismus, erstmals wird er im Daodejing erwähnt. Er wird definiert als Nichthandeln im Sinne von „Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns“., schreibt Wikipedia dazu.

Ohne es zu wissen oder wissenschaftlich begründen zu können, beschreibt er die Umsetzung eines langwierigen Lernprozesses, den ich mit meinem Depot nach vielen Überreaktionen, unbedachten Handlungen und Fehlentscheidungen schmerzhaft erleben musste. Nach der branchenüblichen Pleite 2000/01 und einigen Fehlstarts anschliessend, habe ich, wie gesagt, ohne den taoistischen Hintergrund zu kennen, exakt so gehandelt. Nun erfahre ich sechs Jahre später, dass diese Vorgehensweise ein grosse Tradition in der chinesischen Kultur hat.

Ein befreundeter Banker riet mir 2009, ganz unwissenschaftlich, schau doch ein Depot nicht jeden Tag an, schalte die Kiste doch einfach ab und warte auf bessere Zeiten. Mein Depot war im März 2009 massiv abgestürzt und fast keine Position nicht dunkelrot. Daimler (19,42), Siemens (43,42), ElringKlinger (7,77), Blackstone (5,37) und Deutsche Bank (31,24!). Ich folgte seinem Rat und beschloss, es künftig ähnlich wie mein befreundeter Autonarr zu halten und mich mit Informationen über die Szene zu begnügen. Natürlich gelang es mir nicht, überhaupt nicht mehr ins Depot zu schauen. Im Gegenteil, wenn Liquidität vorhanden war oder Dividenden bezahlt wurden, nutze ich günstigere Kurse zum Einstieg, aber der Verkaufsbutton blieb unbenutzt.

2012 sah die Welt anders aus. Blackstone (12,16), Daimler (46,04), Siemens (76,64), ElringKlinger (22,51) und Deutsche Bank (37,54). Verluste gab es zwar immer noch bei einzelnen Titeln, aber auch deutliche Kursgewinne. Schliesslich habe ich im letzten Jahr ElringKlinger für 33, Blackstone für 26 verkauft, den Rest halte ich immer noch. Ich verdiente durch, nach heutiger Bezeichnung, Wu wei gutes Geld.

2015 oder 2016 oder 2017 wird es einen starken Rückgang geben, zumindest sind fast alle davon überzeugt. Vielleicht aber auch nicht, weil alle überzeugt sind. Mir ist es egal. Ich habe meine innere Ruhe durch Wu Wei gefunden.

Mein Autofreund erklärt das im Moment seinen Kollegen ebenso.

Wenn du auf dem Wasser reisen willst, ist ein Boot dafür geeignet, weil ein Boot sich auf dem Wasser in geeigneter Weise bewegt. Wenn du aber an Land gehst, kommst du damit nicht weiter und wirst nur Ärger haben und nichts erreichen als dir selbst Schaden zuzufügen. Zhuangzi XIV

Vielleicht erlebe ich dadurch sogar bei meinen Deutsche Bank Aktien eines Tages grüne Vorzeichen.

Viele Grüße
Ihr Jürgen Weissmann

 

Foto: © Andrea Weissmann